Passiv auf der Tattoo Conventie Hamme

Eigentlich war offizieller Beginn 12:00 Uhr. Doch in Belgien nimmt man es scheinbar nicht ganz so genau, darum konnten wir auch ohne Probleme schon um 11:45h in die Basketball-Halle spazieren, die am Wochenende vom 21. und 22. April 2012 die Heimat der Tattoo Conventie Hamme war. Einige Leute waren noch eifrig mit dem Aufbau beschäftigt. Andere waren schon fleißig bei der Arbeit und stachen die ersten Motive in die Haut ihrer Kunden. Dabei nahmen es die Belgier auch nicht so eng und man konnte sogar beobachten, die ein Besucher mit einem Bier, rauchend auf einer Liege lag und sich den Oberschenkel einfärben ließ. In Deutschland undenkbar.
Die grauen, rauen Steinmauern und die Trennwände aus Absperrgittern gaben der Convention stellenweise eher den Charme eines Gefängnisses. Ein krasses Kontrastprogramm für mich, der bisher nur die Ink Explosion in Mönchengladbach kannte.

Da ich direkt zum Beginn der Veranstaltung für mein Tattoo verabredet war, nahm ich mir nur die Zeit, um einmal im Schnelldurchlauf alles anzuschauen, und nach dem Stand von Dan Henk Ausschau zu halten. Doch wer war natürlich noch nicht anwesend? Genau, das Triumvirat Dan Henk, Paul Acker und Tommy Lee Wendtner. Also an deren Stand Platz genommen und gewartet. Bald kamen die Drei auch und bauten fix ihre Sachen auf. Ab 14:30h bis kurz nach 23h nahm ich die Messe dann nur noch passiv mit, vom Platz neben der Tattoowiermaschine.

Ursprünglich wollte ich meinen kompletten Oberarm von Dan bekommen. Im Vorfeld meinte er aber, das so große Projekte nur schwer in den Rahmen einer Convention passen. Eher etwas kleineres um die 4 Stunden, das wäre besser. Vor Ort war die Skizze dann doch noch recht groß. Und nach Rücksprache mit Tommy Lee, der meinen restlichen Oberarm stechen soll, wurde das eigentliche Motiv noch mal um 35% vergrößert. Und so wurden aus den angedachten vier Stunden ganz schnell über acht Stunden. Aua, sage ich da nur.

Das Ergebnis ist dennoch weit über meine Erwartungen hinaus gewachsen und einfach nur großartig geworden. Nun freue ich mich schon auf meinen Termin bei Tommy Lee, der den restlichen Oberarm unter schmerzen in eine Landschaft des Schreckens und der fiesen Biomechanik verwandeln wird. Look out!

© Bilder: Kerstin „Elster“

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Tattoos und Vorurteile


Stellt euch vor, man geht am Wochenende abends vor eine Disko und führt Alkoholtests per Blasröhrchen bei Jugendlichen durch. Aus den Ergebnissen zaubern wir dann allgemeine Aussagen über Risikobereitschaft, ungeschützte Promiskuität und potentielle Gewaltbereitschaft und Kriminalität. Und dann nennen wir das auch noch Studie und wollen dadurch Rückschlüsse auf Tattoos als Warnsignale geben. Klingt schon ziemlich absurd, oder? Nun, scheinbar haben Franzosen unter dem Deckmantel der Wissenschaft diesen Mumpitz mit einer „Probantengruppe“ von 3000 Jugendlichen durchgeführt. Und Focus.de nutzt diese infantile Mutmaßung vorschnell, um in der aktuellen Meinungsmaschine gegen Tattoos weiter Stimmung zu machen. Vielleicht erinnert man sich, aber vor nicht allzu langer Zeit standen Autolacke und andere toxische Substanzen in Tattoofarbe schön im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Glücklicherweise haben hier das Tätowier Magazin in Print und Video bereits Stellung bezogen. Nach ordentlich Gegenwind aus der „Netzgemeinde“ der Tätowierten, ruderte selbst Focus.de etwas zurück und ließ Andy Schmidt im Interview zu Wort kommen.

Danke, dass die Medien pauschalisieren und alle Tattoofarben unter Generalverdacht stellen. Danke, dass wir weiterhin am Klischee des bemalten Knastis und Seefahrers festhalten. Danke, dass eine „repräsentative“ „Studie“ aus Frankreich unter Jugendlichen selbstzerstörerische Tendenzen in Relation zu Tattoos stellt – weil ein direkter Zusammenhang zum eigentlichen Kneipen- und/oder Diskobesuch wäre zu offensichtlich – und somit nicht so wissenschaftlich, wie die angeführte Studie sich selber darstellt. Warum hat man nicht mal auf einem Straigh Edge Konzert nachgefragt? Ich wette fast, dass die Besucher einer solchen Veranstaltung 10 mal mehr Tattoos haben, als die Kinder in der Dorfdisko. Und ich wette gleichermaßen, dass dort weder Alkohol noch Drogen eine signifikante Kennziffer in der Studie ausmachen. Gesunder Ernährung wie Vegetarismus oder Veganismus schon eher. Doch wollen wir überhaupt aus unseren Illusionen geweckt werden? Der böse Tätowierte passt doch wesentlich besser in unser Weltbild, als der buntbemalte und mehrfach kompetente Loha

Update: Novo-Argumente.com haben auch eine Stellungnahme zum Focus.de-Artikel verfasst.


© Titelbild by Die Elster auf der Tattoo Convention Hamme 2012

Kurz-Review: Ink Explosion 2012

Ein kurzer Rückblick auf meinen zweiten Besuch bei der Tattoo Ink Explosion in Mönchengladbach. Eigentlich war im Vorfeld klar: Die Convention von 2011 war für mich persönlich nicht zu schlagen. Dort hatte ich nach eher zufälligem Fund im Internet, die Möglichkeit direkt mit Dan Henk zu quatschen, der auch nun mein nächstes Tattoo stechen soll. Außerdem durfte man dem großen Andi Engel, Tommy Lee Wendtner oder James vom Celtic Moon bei der Arbeit zuschauen, was die Ink Explosion wirklich zu einer Sahneschnitte machte.

Bis auf James war dieses Jahr keiner der – für mich – interessanten, großen Namen da. Dennoch konnte ich ein paar richtige Perlen unter den Stechern neu für mich entdecken…
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Mein nächster Stecher: Dan Henk

In gut einem Monat bekomme ich mein nächstes Tattoo. Auf der Tattoo Conventie in Hamme, Belgien, wird mein Sleeve mit einem ersten Motiv begonnen. Grundthema ist Biomech, Steampunk und Lovecraftoider Horror. Für diesen Auftakt habe ich vor mehr als einem Jahr einen bestimmten Künstler im Internet entdeckt: Dan Henk. Erfreulicherweise war er kurze Zeit später auch auf der Ink Explosion in Mönchengladbach, wo man ins erste Gespräch kam.

Über eMail wurden die Details geklärt und der Termin für die nächste Convention in meiner Gegend fixiert. Da ich momentan voller Vorfreude bin, wollte ich an dieser Stelle ein paar großartige Bilder vorstellen, die Dan für mich als perfekten Stecher qualifiziert haben.

Der nächste Künstler für den Rest des Oberarms steht auch schon fest, nach Hamme wird direkt der nächste Termin gemacht. Und Dank der diesjährigen Ink Explosion, fand ich auch den perfekten Tattoowierer für den Unterarm. Doch über diese beiden Persönlichkeiten gibt es dann zeitnah zum nächsten Tattoo weitere Informationen (;

http://danhenk.com/
https://www.facebook.com/deadguyllc
https://twitter.com/#!/DanHenk
© für alle Bilder @Dan Henk. Gestohlen von seiner Homepage, Twitter und Facebook.

Toleranz und Logik

Ich muss ja gestehen: Bisher hatte ich eigentlich nie Probleme mit meinen Bodymodifications. Zugegeben, so auffällig oder extrem sind sie nicht. Ich habe an beiden Ohren 12mm Loben und am Linken noch einmal ein 6m Lobe hinter dem Großen und ein Helix-Piercing. Und meine einzige Tattoowierung bisher ist über meinen ganzen linken Unterschenkel, also auch nur im Sommer offensichtlich.
Also insgesamt nichts großartig besonderes, und eigentlich sogar kompatibel zu meinem Beruf. Kundentermine im Anzug habe ich bisher auch mit meinen Fleshtunnels absolviert und bin bisher eigentlich nie auf irgendwelche Probleme mit den Löchern gestoßen. Eher im Gegenteil, die Akzeptanz war meist verdammt hoch.

Doch gestern war ich auf der Premiere eines Kunstfilms von einem Bekannten. Als ich in der Lokalität dann an der Theke einen Kaffee und ein alkoholfreies Bier bestellt habe – was wohl auch nicht so recht in das typische Klischee vom gepiercten Assi passt – wurde ich von einer Frau neben mir mit den Worten „Igitt“ angesprochen. Ich dachte schon, es ginge um das alkoholfreie Bier, bis sie mich auf die Löcher angesprochen hat. Ich entgegnete noch freundlich, dass die Größe eigentlich irrelevant ist, denn auch schon ihre kleinen Ohrringe brauchen Löcher in den Ohren. Nur eben etwas kleiner.
Schnell wurden meine gedehnten Tunnel aber als „abartig“ tituliert und andere Dehnungen, die besagte Person bei diversen Punkern hier in Aachen gesehen hat in die Diskussion eingezogen: gedehnte Wangen, Nasenlöcher, Unterlippen. Und das wurde noch mehr als Perversion, als meine Veränderungen abgestempelt. Als ich dann den Initiationscharakter und den Ursprung aus fremden Kulturen ansprach, hieß es nur: „Aber nicht in Mitteleuropa!“ – Ach so, Feng Shui, Yoga und Sushi dürfen wir also übernehmen, aber keine anderen Aspekte, wie Gesichtstattoowierungen und Dehnungen?
„Nein, das geht nicht! Nicht hier in Europa! Außerdem sind Gesichtstattoowierungen etwas anderes. Die Ohrlöcher sind ja Körperverletzungen!“ Ach so! Eine Tattoowierung ist also keine Körperverletzung und wird auch an Hals, Händen und im Gesicht akzeptiert? Nette Info!
Nachdem mir die Diskussion dann doch etwas zu einseitig wurde, bin ich mit den Worten gegangen, dass nicht nur Dehnungen oder Tattoowierungen ein Eingriff in die Ursprünglichkeit des Körpsers seien, sondern auch simple Prozesse wie Haareschneiden oder das Stutzen von Nägeln eine Veränderung des Körpsers in seiner Natürlichkeit seien. Da schaute die Frau nur groß und immer noch verständnislos…

Ich bin über jedes Arschgeweih und über jede Pop-Band wie Linkin Park froh, die Tattoowierungen und auch geweitete Loben der breiten Masse näher bringen. So wird aus einem scheinbar extremen Trend heraus eine Desensibilisierung gegenüber aufrichtigen Körperveränderungen gebildet und in hoffentlich wenigen Jahren treffen wir dann auch hier, im ach so toleranten und gebildeten Europa auf die gleiche Akzeptanz von Körperveränderungen, wie in Afrika oder Asien!
Solange kann ich so engstirnige und dumme Menschen nur bedauern, die alles Fremde mit Angst und Ablehnung strafen.